Möge die bessere Mannschaft gewinnen?

Ist Kongruenz zwischen Leistung und Ergebnis ein sinnvolles Ideal?

The Ayes

Im Sport geht es darum, die eigenen Fähigkeiten in der jeweiligen Disziplin mit denen anderer zu messen, und zu erkennen, wer besser ist. Gleichzeitig werden Wettkämpfe vor allem von ihrem Ergebnis her wahrgenommen. Das mag zwar schade sein, ist aber dennoch eine Realität - und eventuell auch insofern gerechtfertigt, als das Ergebnis den Kräfteverhältnissen nach zu gestalten eine der relevanten Fähigkeiten ist.

Der Geist des Spiels wird also dann verwirklicht, wenn sich die bessere Mannschaft durchsetzt und gewinnt.

Kontra-punkt

Wer auch immer das Finale der Europameisterschaft heute Abend gewinnt: es wird nicht die beste Mannschaft des Turniers sein. Während Portugal zwar besser spielte als allgemein anerkannt, wird doch niemand behaupten dass ihr unattraktiver Fußball besser war als jener, den Italien spielte. Und die deutsche Mannschaft war eventuell besser als ihr Halbfinalgegner, zumindest aber auf einem anderen Niveau in fast allen Belangen als Cristiano Ronaldo et cetera.

Dass im Sport die bessere Mannschaft gewinnen möge, ist eines der am häufigsten wiederholten Klischees im Sport. Doch, von gänzlich korinthischen Attitüden abgesehen, wird es selten mit viel Überzeugung vorgebracht, sondern eher im Gestus einer wegwerfenden Bemerkung.

Und das ist nicht überraschend, denn das Interesse von Menschen an Sportereignissen speist sich nicht daraus, zuzusehen, wie Leistungsgefälle linear in sie wiedergebende Ergebnisse umgesetzt werden - zumindest nicht nur. Natürlich ist ein wesentliches Spannungselement, wer im Stande ist, die bessere Leistung abzurufen, und in welcher Weise das gelingt: Kann, zum Beispiel, die DFB Mannschaft einen Weg finden, besser zu spielen als ihr italienischer Kontrahent, und hilft eine Umstellung der Formation zu einem 1352 dabei defensiv mehr als es offensiv schadet?

Doch auch wenn die Frage danach, wer die bessere Mannschaft ist, im Spiel eine Antwort findet, ist damit längst nicht alles darüber gesagt, wer das Spiel gewinnen sollte.

Diese Behauptung wirft einige Fragen auf, zunächst: Was kann es im Sport, und insbesondere im Fußball, heißen, besser als der Gegner zu sein, wenn nicht, das Spiel zu seinen Gunsten zu entscheiden? Dass Leistung und Ergebnis voneinander abweichen können, müssen wir als Axiom voraussetzen, um die interessanten Aspekte unserer Frage diskutieren zu können. Außerdem ist gerade in einem Spiel wie Fußball, in dem seltene Ereignisse den Spielausgang bestimmen, hin und wieder sehr offensichtlich, dass die bessere Mannschaft verloren hat. Da es hier nur um solche Situationen geht, ist im Grunde auch unerheblich, anhand welcher Maßstäbe Leistungen bewertet werden - in welchen konkreten Fällen die Argumente hier relevant sind, ist von ihrem Inhalt unabhängig.

"Nicht das beste Finale? Was ist denn das beste Finale? Wie können wir hier sein, wenn wir nicht unter den Besten sind?"

Fernando Santos, Trainer der Portugiesischen Nationalmannschaft

Warum sollte man aber nun wollen, dass die bessere Mannschaft zu manchen Gelegenheiten ein Spiel verliert? Zum einen weil es eine Überschneidung von Fällen gibt, in denen die schwächere Mannschaft gewinnt, und solchen, in denen sich Unerwartetes ereignet. Gerade dies zu erleben macht aber einen nicht unwesentlichen Teil des Reizes von Sport aus. Es ist ein faszinierendes Spektakel wie ein Spielstand, der den eigentlichen Verhältnissen widerspricht, andauert, und entgegen der Wahrscheinlickeit zum Ergebnis wird. Auch Puristen, die vor allem bestmöglichen Fußball in einem Spiel sehen wollen und keinen der Kontrahenten an sich favorisieren, können einen solchen Verlauf genießen. Zwar hat es in dieser Perspektive eine unangenehme Note, wenn ein Team nicht mit dem passenden Ergebnis dafür belohnt wird, besser gespielt zu haben. Aber diese Asymmetrie wird dadurch gerechtfertigt, dass daran zu scheitern, das Ergebnis der eigenen Überlegenheit anzupassen eine fehlende Qualität ist. Diese partielle Unfähigkeit heißt nicht, dass die überlegene Mannschaft doch nicht die bessere war, aber sie wiegt die scheinbare Ungerechtigkeit des Ergebnisses auf.

Doch eine so unparteiische Haltung ist ohnehin eine Ausnahme in der beobachtenden Teilhabe an Fußballspielen. Die meisten Menschen verfolgen Fußballspiele mit einer klaren Präferenz für eine der Mannschaften. Die Haltung von Fans mag ohnehin nicht rational sein, aber sie macht Fußball im wesentlichen zu einem Ereignis, das Menschen interessiert - und zwar selbst jene, die selbst keinem Fanlager angehören, man denke an die Sympathisierungswelle, die bei dieser Europameisterschaft über Island oder Irland geschwappt ist.

Der Fall Island gibt uns außerdem Gelegenheit, auf ein Thema in der Nachbarschaft der hier debattierten Frage zu sprechen zu kommen: Außenseiter und ob sie Sympathie verdienen. Natürlich fallen Erfolge von Außenseitern und Fälle, in denen sich die schwächere Mannschaft durchsetzen kann, oft zusammen. Doch dem ist nicht immer so, wie das Beispiel der Mannschaft von Lars Lagerbäck und Heimer Hallgrimsson zeigt, die zumindest im Spiel gegen England schlicht besser spielten und - nach jeder Sichtweise - verdient gewannen.

"Sie sagen wir spielen schlechten, ekelhaften Fußball. Aber diese Leute werden bald den Mund halten. Ich will gewinnen und dass sie dann sagen, wir hätten es nicht verdient. Dann wäre ich glücklich."

Fernando Santos, Trainer der Portugiesischen Nationalmannschaft

Doch Islands Erfolg bei diesem Turnier war so bemerkenswert gerade weil er außerordentlich unwahrscheinlich war. Vor allem im modernen Vereinsfußball ereignete sich in den letzten Jahren eine solche Konzentration von Kapital und Talent, das eine kleine Gruppe von 'Superclubs' zumindest den allermeisten ihrer nationalen Kontrahenten weit überlegen ist. Das Gefälle ist hier so groß, dass es geradezu absurd wäre, etwa vom SC Freiburg zu erwarten, in einem Spiel gegen den FC Bayern die bessere Mannschaft zu sein. Das Ausmaß dieses Ungleichgewicht beleidigt den Sinn für fairen sportlichen Wettkampf und schafft so die Grundlage für ein Gefühl der Genugtuung, wenn es zumindest in einem Ergebnis umgekehrt wird, ob leistungs-'gerecht' oder nicht.

Aus kontingenten Gründen ist der pro-Teil dieses Pressschlags rudimentär ausgefallen. Umso mehr freue ich mich über Kommentare, die ihn ausfüllen.

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